Erfahrungsbericht 2

Es war eine Freundschaft wie viele andere, und so begann sie auch, wie viele Beziehungen beginnen. Doch unsere endete grausam. Es war keine Liebe auf den ersten Blick, denn wir kannten uns schon eine ganze Zeit lang. Unsere Beziehung hatte Höhen und Tiefen, doch dies gehört zu einer jeden Partnerschaft. Bis auf den Tag, der mein Leben total veränderte.

Im Sommer des Jahres 1988 hatten wir ein Fest in der Nachbargemeinde - auch wir besuchten diese Fete. Während ich aber als Helferin etwas zu tun hatte, erfreute sich mein Freund mit Alkohol und Freunden bei einem Spiel. Als das Fest zur Neige ging, gingen auch wir. Und an diesem Abend kam es unweigerlich dazu, dass wir miteinander schliefen. Wir hatten zwar für Verhütung gesorgt, doch das Präservativ platzte und es kam zu dem, wovor wir beide so große Angst hatten - ich wurde schwanger.

Sofort war für alle Außenstehenden klar, dass ich dieses Kind nicht zur Welt bringen durfte, denn es wäre eine Schande gewesen. Mein Freund war zwei Jahre jünger als ich, und ich war gerade im ersten Lehrjahr. Und was würden denn die Leute sagen! Mein Freund ließ mich mit dieser Entscheidung ganz alleine. Er sagte: „Das musst Du selbst wissen, was Du zu tun und zu lassen hast. Ich kann Dir die Entscheidung nicht abnehmen!“ Und mit dieser Belastung lief ich dann wochenlang herum und ich wusste nicht, was ich machen sollte. Doch der Druck von allen „Beteiligten“ wurde immer größer und ich wurde regelrecht in die Enge getrieben. Und schließlich nahmen „sie“ mir die Entscheidung ab.

Mein Freund und ich besuchten dann eine Beratungsstelle. Nach einem sehr langen Gespräch und ewigem Hin und Her schrieb mir die Sozialarbeiterin eine Indikation aus. Danach ging ich zum Arzt. Dieser überwies mich in eine Privatklinik, die den Eingriff vornehmen sollte. Der Tag, an dem es gemacht wurde, ist wie ein Brandmal, das ich niemals verlieren werde. Die Ärzte waren recht nett, aber ich kam mir so elend und dreckig vor, so hilflos und alleine. Als ich aus der Narkose erwachte, saß zwar mein Freund an meinem Bett, doch ich war nicht mehr ich. Ich war jemand anderes und ich fühlte mich einsam. Und diese Einsamkeit ist bis heute geblieben.

Ich habe mein Kind abtreiben lassen. Und so wie dieses Kind gestorben ist, ist auch etwas in mir gestorben, das niemals mehr zum Leben erweckt werden kann. Ich würde es heute nie wieder tun, egal wie meine Umwelt darauf reagiert, denn ich lebe nur noch mit der Angst und ich werde damit nicht fertig. In meinen Alpträumen sehe ich, wie ein kleines Mädchen mit ausgestreckten Armen auf mich zugelaufen kommt und mich immer wieder fragt: „Warum, Mami, warum?“ Danach wache ich immer schweißgebadet auf. Und dieser Traum und der Blick des Mädchens verfolgen mich seit ich den Eingriff habe machen lassen. Ich bin zwar erfolgreich im Beruf, doch mein privates Leben ist zerstört. Mein Baby wäre jetzt im Februar ein Jahr alt geworden. Ich trauere um mein Kind, denn ich weiß, dass ich einen Fehler begangen habe, und dieser Fehler ist nicht wieder gut zu machen. Nur ich werde dafür bestraft und nicht mein Freund, obwohl auch er mitbeteiligt war. Ich hoffe nur, dass mein Baby nicht zu lange mit dem Tod kämpfen musste. Und ich hoffe, dass mir mein Baby diese Straftat verzeiht und es versteht, warum ich es getan habe. Heute bin ich ganz alleine, denn mein Freund hat mich kurz danach sitzen lassen, er wollte seine Freiheit wieder.

Ich schreibe diese Geschichte für alle jungen Mädchen und Frauen, die in der gleichen Situation sind, wie ich es einmal war. Überlegt es Euch sehr, sehr gut, was ihr tut. Denn Euch quälen die Träume. Euch verfolgen Blicke, die nicht vorhanden sind. Ihr seid mit Eurer Einsamkeit alleine, und Euch überkommen Trauer und Schmerz, wenn Ihr eine junge Mutter mit Kind seht. Ihr habt alle Belastungen und Folgen eines solchen Eingriffes zu tragen, nicht der Freund. Dieser kann Euch die Angst, die Trauer oder die Einsamkeit nicht nehmen. Er steht nur dabei, aber helfen kann er nicht. Überlegt es Euch gut und lasst Euch nicht zu irgend etwas zwingen, Euer Leben wird dadurch kaputtgemacht. Und es gibt viele Organisationen, die Euch helfen und beraten. Macht nicht den gleichen Fehler wie ich! Ihr bereut es ewig. Mein Leben ist zerstört und mein Freund hat das bisschen Hoffnung durch die Trennung völlig kaputt gemacht.

(Dieser Erlebnisbericht einer Schülerin erschien in der Bad Neustädter Schülerzeitung „Scheibenkleister“)